Unterweisungen zur Mahāmudrā 

 

Diese »Unterweisungen zur Mahāmudrā« entstammen Sarahas »Schatz der Dohās«. Khenpo Thrangu Rinpoche unterwies diesen Text ausführlich in Kathmandu, im März 2008. Die deutsche Übersetzung gründet sich auf diese mündlichen Erläuterungen.

Zeile 1_12 Vers 1_3, Was sich bewegt was stille steht

 

Was sich bewegt, was stille steht, das, was vibriert, was sich nicht rührt,
ebenso was mit und ohne Wesenhaftigkeit, Schein und Leersein
und restlos alles ist von der Natur des Raumes,
in allen Dimensionen der Zeit, zu keinem Zeitpunkt entzweit.

Raum wird Raum genannt, so sagt man zwar,
doch fehlt es dem Raum an einem Merkmal so ganz und gar.
Sein und Nichtsein, nicht Sein und nicht nicht Sein
und was dar über hinausreicht, ist jenseits der Deutung Bereich.

Somit: Zwischen Raum und Geist und Soheit
besteht keinerlei Verschiedenheit.
Dem Namen nach verschieden – lediglich hinzugefügte Beilegung –
ohne Sinngehalt, reduziert sie sich auf lügnerische Äußerung.

Zeile 13_17 Vers 4, Sämtliche Gegebenheiten sind geisteseigene Begebenheiten

 

Sämtliche Gegebenheiten sind geisteseigene [Begebenheiten] –
und so gibt es nicht die geringste Spur von irgendetwas außerhalb der Geistnatur.
Derjenige, der des Geistes anfangslose Nichtexistenz völlig verstand
und dadurch die wahre Absicht der Sieger der drei Zeiten herausfand,
ist weithin unter dem Namen »Gefäß des Dharma« bekannt.

Zeile 18_21 Vers 5, Desweiteren gibt es keine davon ausgeschlossene Gegebenheit

 

 Desweiteren gibt es keine davon ausgeschlossene Gegebenheit
verschieden vom Natürlich-Eingeborensein, bestehend seit der Uranfänglichkeit.
Es gibt nichts, das als dessen Soheits-Lehre darzustellen wäre.
Somit: Weil unausdrückbar, von wirklich niemandem erfassbar.

Zeile 22_30 Vers 6_7, Wenn es einen Eigentümer gäbe

 

Wenn es einen Eigentümer gäbe, dann spräche man von eines Reichtums Eigentum.
Doch da seit Anbeginn kein Eigentümer ist, was ist für ihn Besitztum?
Aus des Geistes [hypothetischem] Vorhandensein folgerte das Bestehen einer jeglichen Gegebenheit.
Doch infolge des Geistes Nicht-Vorhandensein: Von wem sollte auch nur irgendwas erfassbar sein?

Sämtliches, was als [innerer] Geist und als [äußere] Gegebenheit erscheint,
dies ist, auch wenn man sucht, nicht auffindbar – nicht mal ein Suchender ist da.
Das Nichtsein ist ohne Entstehen, ohne Vergehen innerhalb der drei Dimensionen der Zeit.
Die Soheit ist nicht in etwas Anderes sich Wandelndes.
Sie ist die wahre Wesenheit natürlich bestehender Groß-Glückseligkeit.

Zeile 31_34 Vers 8, Deshalb ist alles was erscheint der Dharmakaya

 

Deshalb ist alles, was erscheint, der Dharmakāya,
und alle Lebewesen sind einzig Buddha,
und alle karmisch geprägte Tätigkeit, Sphäre der Leere, seit Uranfänglichkeit,
und eines Hasen Horn gleich ist jegliche sich eingebildete Gegebenheit.

Zeile 35_38 Vers 9, KYE MA Trotz der alles erleuchtenden Strahlen der Sonne

  

KYE MA! Trotz der alles erleuchtenden Strahlen der Sonne, von Wolken völlig frei,
so ist doch das, was den Blinden sich zeigt, eine immerwährende Dunkelheit.
Trotz der Allgegenwärtigkeit des Innewohnenden in Gleichzeitigkeit,
so ist es doch für die Verblendeten zur Soheit noch sehr weit.

Zeile 39_44 Vers 10, Die Unwirklichkeit von Geist

  

Die Unwirklichkeit von Geist bleibt den Wesen unbekannt
und so klammert mutmaßendes Bewusstsein sich an des Geistes [vermeintlich] wahres Sein.
Gleichsam wie ein Verrückter, der von einem Dämon besessen ist,
[sich selbst und anderen] unkontrolliert und sinnlos Leid zufügt,
verursacht ebenso die, vom großen Dämon, dem Haften an der Vorstellung von Wirklichkeit
befallene Person, völlig sinnlos einzig und allein nur Leid.

Zeile 45_49 Vers 11, Manch einer, im Bann von Dummheit

 

Manch einer, im Bann von Dummheit infolge geistiger Spitzfindigkeit,
sucht im Äußeren, obwohl der Herr im Inneren des Hauses weilt.
Manch einer hält das Spiegelbild selbst für den Gegenstand.
Manch einer lässt die Wurzel drin und reißt dafür die Blätter ab.
Was auch immer das Ereignis, den Verwirrten bleibt’s Geheimnis.

Zeile 50_65 Vers 12_16, KYE HO Von den Toren bleibt die Soheit unerkannt

 

KYE HO! Von den Toren bleibt die Soheit unerkannt.
Jedoch wurde von mir erkannt, dass die Sphä re der Soheit von nichts und niemand weicht.

Indem ich mir klar über meinen Anfang und mein Ende war
und mich selbst ansah - verblieb die Ichbezogenheit in Einheit.
Durch Betrachten des Eins-Seins erwies sich eine Identitä t als unsichtbar.
Da nun von zu Sehendem und Sehendem befreit, herrscht Unausdrückbarkeit.
Da unausdrückbar, somit von wem erfassbar?

Beim Sich-Üben in des Geistes natürlicher Ursprünglichkeit
dämmerte sodann meine Erkenntnis in der Bergzurückgezogenheit.

Der Behälter für der Löwin Milch ist nicht gemein noch minder.
Gleichsam wie im Dickicht des Löwen Gebrüll
alles kleinere Wild mit Schrecken erfüllt,
so kommen doch die Löwenjungen voller Freude hergesprungen.

Ebenso wird durch diese Erklärungen über die seit Uranfänglichkeit niemals erzeugte Groß-Glückseligkeit
– obwohl sie die Umnachteten, mit falschen Vorstellungen Behafteten, erschrecken –
in den des Glücks Teilhaftigen eine solch starke Freude erwecken, dass sich alle Körperhaare nach oben strecken.

Zeile 66_85 Vers 17_21, Kye ho Mit einem Geist, der nicht abgelenkt ist

 

Kye Ho! Mit einem Geist, der nicht abgelenkt ist, betrachte sich das Sich!
Wurde dadurch die eigene Soheit durch sich selbst erkannt,
dann manifestiert sich sogar der abgelenkte Geist als Mahāmudrā,
Sphäre großer Glückseligkeit, Selbstauflösung merkmalshafter Beschaffenheit.

Weil es des Traumes Zweiheit von Glück und von Leidhaftigkeit
zum Zeitpunkt des Erwachens natürlicherweise gar nicht gibt
ist Furcht- und Hoffnungs-Denken vollständig hinter sich gebracht.
Wer ist es nun, der sich Gedanken über Sollen oder Lassen macht?

Weil es des Saṃsāras und Nirvāṇas Gegebenheiten
natürlicherweise gar nicht gibt, dann, wenn man die Soheit sieht,
und indem das Furcht- und Hoffnungs-Denken ganz von selbst versiegt,
wozu bedarf es der Mühseligkeiten des Zu-sich-Nehmens und des Von-sich-Weisens?

Alle Laute und Sinneserfahrungen sind einem Trug und Sinnestäuschung
und einer Spiegelung vergleichbar – Dinge ohne Eigenschaft.
Geist selbst, der Magier, der den Schein erstellt, ist Himmelsraum.
Von wirklich keinem zu erkennen, ohne Zentrum, frei von Begrenzung.

So wie der Strom der Gaṅgā und anderer Wasserläufe in ihrer Mannigfaltigkeit,
im salzgetränkten Meer als im Geschmack identisch sich erweist,
so sei der Geist, der untersucht, und alles Mannigfaltige, das dem Geist entstammt,
in der Sphäre der Leere als von einem einzigen Geschmack erkannt.

 

Zeile 86_91 Vers 22, Selbst wenn jemand den gesamten Himmelsraum

 

Selbst wenn jemand den gesamten Himmelsraum durch und durch durchforstete,
hö rte, in Ermangelung eines End- und Mittelpunkts, das Schauen gä nzlich auf.
Erfolgte desgleichen – durch das Erforschen von dem, was Geist und was Gegebenheit,
kein Entdecken von auch nur der geringsten Spur einer Wesenhaftigkeit –,
und ist selbst der Geist, der gründlich untersucht, nicht auffindbar –
ist somit dieses »Ü berhaupt-und gar nichts-Sehen« selbst das eigentliche Sehen. 

Zeile 92_97 Vers 23, Gleichsam wie die Krähe

 

Gleichsam wie die Krähe, die vom Schiff [auf hoher See] wegfliegt,
überall umherflatternd im Kreise zieht und wieder auf ihm landet –
wird auch die Folge der Gedanken, mit allen Wunschbelangen,
in die Ursprünglichkeit, den Urgeist selbst, gelangen.
Nicht erschüttert von Bedingtheit – den Erwartungen entrückt,
die Heimlichkeit der Angst zerstückt – herrscht Vajrageist.

Zeile 98_109 Vers 24_25, Die Natur des Geistes, der das Fundament durchtrennt

 

Die Natur des Geistes, der das Fundament durchtrennt, ist gleich dem Himmelsraum.
Es gibt nichts zu ü ben, und so sei Geist einer inneren Regung frei.
In des Geistes Natürlichkeit, im eigenen Sein, in der Ursprünglichkeit,
nicht beeinträchtigt von einem fabrizierten Anhaltspunkt,
bedarf natürlich-reiner Geist keiner Verbesserung.
Halt nichts fest und lass nichts los, ganz nach eigener Neigung – weile bloß!

Wenn sogar für den Toren, dem die Erkenntnis fehlt, ein Sich-Üben nicht besteht,
gibt es Sich-Üben und Übungssache nicht, für den, der im Besitz der Erkenntnis ist.
Ebenso wie für Raum nicht Raum der Orientierungspunkt,
ist desgleichen für das Leere Leeres nicht Gegenstand der Übung.
Nicht-duales Verstehen ist wie Milch mit Wasser versehen.
Das Mannigfaltige ist eines Geschmacks, große Glückseligkeit ohne Ende einer Dauerhaftigkeit.

Zeile 110_123 Vers 26_27, So ist in gleicher Weise, in jeder der drei Dimensionen der Zeit

 

So ist in gleicher Weise, in jeder der drei Dimensionen der Zeit,
nichts Bereich geistiger Tätigkeit und [alles] grenzenlose Sphäre der Ursprünglichkeit.
Dieses »Sosein anhaltend erlebt« wird mit dem Begriff »Sich-Üben« belegt.
Die Atmung ungezwungen und losgelöst der Geist –
ungestaltetes Bewusstsein – ruhe einem Kleinkind gleich.
Tritt Erinnerung und Denken ein, schau genau auf deren Sosein.
Die Woge und das Wasser separier und untersuche nicht.

In der »Mahāmudrā-ohne jede geistige-Beschäftigung«,
gibt es nicht das Geringste was zu üben ist, und somit üb dich nicht.
Nicht getrennt vom Vorgang der Nicht-Übung ist allerhöchste Übung:
Gemeinsam-gleichzeitiges Erleben der Nicht-Zweiheit, Geschmack großer Glückseligkeit.
Es ist wie der gleiche Geschmack von Wasser, das in Wasser gegossen –
wird in diesem Zustand auf diese Weise geweilt,
ist man von dem an Wahrnehmungserfassen haftenden Denken befreit.

Zeile 124_135 Vers 28_30, KYE HO Was sollten denn, in dem Yoga der nicht-dualen Ursprünglichkeit

 

KYE HO! Was sollten denn, in dem Yoga der nicht-dualen Ursprünglichkeit,
die Dinge, die man ablehnt und solche, die man vorzieht, sein?
Für mich, bezüglich sämtlicher Gegebenheiten, gibt es kein Festhalten und Von-mir-Weisen,
deshalb sag ich auch nicht: »Mein Kind, du tue dies!«

Gleichsam wie das Fehlen eines wahren Wesens im Edelstein,
ist ebenfalls des Yogin Lebenswandel ohne echtes Sein.
Selbst allerlei Geschäftigkeit und jedwede Geschwätzigkeit
bewirken nicht, dass Yoga-Geist von der Alleinheit weicht.

In der Alleinheit gibt es überhaupt kein Einzel-Sein.
Deshalb ist mannigfache Formgestalt ohne inneren Gehalt.
Wie ein Verrückter, in ausgelassener Unberechenbarkeit,
wie ein Kleinkind – übe Lebenswandel in Nicht-Tätigkeit.

Zeile 136_141 Vers 31, E MA HO Gleich dem Lotus

 

E MA HO! Gleich dem Lotus, der dem Daseins-Schlamm entstammt, ist Geist.
Durch keinen Makel, zu keiner Zeit, herrscht Unreinheit.
Ob Essen, Trinken oder Wonne der Vereinigung,
selbst dann, wenn der Körper und der Geist extreme Pein aufweist,
bleibt man in jeder Lebenslage, in deren ausdrucksreicher Mannigfaltigkeit,
unbehelligt – lässt sich von nichts gefangen nehmen, oder wünscht von etwas frei zu sein.

Zeile 142_149 Vers 32_33, Im Selbstverständlichen, ohne Kalkül

 

Im Selbstverständlichen, ohne Kalkül, Sich selbst Geschehen des Verständigen,
wird man, zum Zeitpunkt, wenn das Unheil aller Wesen in Verblendung offensichtlich wird,
unwillkürlich, hervorgebracht durch Mitgefühl, das kaum erträglich ist, Tränen verschütten –
um sich, in die Lage des anderen versetzend, einzig an dessen Vorteil denkend, einzusetzen.

Befreit von einer dreifach [falschen] Einstellung, wenn man den Sachverhalt gut untersucht,
ist nichts mehr wahr und alles ähnelt einem Traum und Trug.
Dann, frei von Hinderung und Anhaftung, herrscht echte Freude, ganz ohne Depression,
und wie von einem Magier ist alles Wirken gleich einer Illusion.

Zeile 150_157 Vers 34_35, In der Natur des Himmelsraumes

 

In der Natur des Himmelsraumes, seit Anbeginn urrein,
kann wirklich nichts Objekt des Meidens oder Erlangens sein.
Hinsichtlich Mahāmudrā ohne geistige Beschäftigung,
heg keinen Wunsch nach irgendeiner Wirkung.

Ein erwartungsvolles Streben trat, seit Anfang aller Zeit, nie ein.
Somit – was sollte denn Objekt des Meidens oder Erlangens sein?
Wenn es ein Etwas gäbe, das durch etwas zu erreichen wäre,
was bewirkten denn die vier Arten der Mudrā-Lehre?

Zeile 158_161 Vers 36, Gleichsam wie ein wildes Tier

 

Gleichsam wie ein wildes Tier, gepeinigt von der Wahnvorstellung,
in großer Eile zu einer Fata Morgana rennt,
geschieht es, dass manch Verblendeter, von Sehnsucht stark in Wallung,
je mehr er sich bemüht, nur um so weiter noch entfernt.

Zeile 162_169 Vers 37_38, Betreffend das natürlich Reine, niemals erzeugt

 

Betreffend das natü rlich Reine, niemals erzeugt seit Anbeginn der Zeit,
gibt es nicht das Geringste, das eine gesonderte Besonderheit aufweist.
Begriffliches Denken in die Dimension reiner Sphäre verklärt –
dies wird ganz einfach mit der Bezeichnung »Vajradhara« erklärt.

Ebenso wie in der Wü ste der Fata Morgana totale Trockenheit –
wo in Wirklichkeit kein Wasser ist, als Wassermenge in Erscheinung tritt,
ist desgleichen, bezüglich der Urreinheit, eines begrifflichen Denkens befreit,
nichts zu sagen über Zweiheit in Beständig- und Zerstörbarkeit.

Zeile 170_173 Vers 39, So wie der alles ermöglichende Baum

 

So wie der alles ermöglichende Baum und der wunscherfüllende Edelstein
kraft der Wunschgebete dazu verhilft, dass das, was man erstrebt, in Erfüllung geht,
ist ebenfalls die weltliche Begrifflichkeit ein rein konventionelles Sein.
Im wahren Sinn gibt es rein gar nichts, das besteht.